„Lasst uns ein moderner Sportverein sein… und möglichst alles beim Alten belassen.“

Eine Glosse zur modernen Vereinsführung

Es gibt noch immer viele Vorstände von Vereinen, die den berühmten Knall noch nicht gehört haben. Sie führen ihren Verein wie ihre Vorgänger und deren Vorgänger – weil wir das schon immer so machen! –, lassen alles beim Alten und wundern sich, dass ihre Mitgliederzahlen rückläufig sind.
In diesen Vereinen wird nur noch verwaltet, es finden keine Veränderungen statt, man arrangiert sich mit dem schleichenden Niedergang und klagt lieber öfter als seltener über das fehlende Engagement der Anderen. Früher war alles besser…
 
Ja, früher, als Kinder noch in Vereine geboren wurden und Greise von Ihren Vereinskameraden zu Grabe getragen wurden; als Vereinsfeste noch gut besucht und Vereine eine lebendige Gemeinschaft waren – und als Vereins- und Vorstandsarbeit noch Ehrensache war.
 
Aber nein, es war nicht besser. Es war anders. So anders, wie die Zeiten. Aber während sich in der Welt die Uhren weiter drehten, hat die Zeit in vielen Vereinen still gestanden – und auch im Denken ihrer Vorstände.
 
Während vor dreißig Jahren Familien auf die wohnortnahen Vereine angewiesen waren, weil im Ein-Auto-Haushalt keine Möglichkeit bestand die Kinder in die umliegenden Städte und Gemeinden zu bringen, so sind sie dies dank besserer Mobilität heute meist nicht mehr. Die Menschen sind heute insgesamt sehr viel flexibler – auch was die Vereinswahl angeht. Man ist nicht auf den nächstgelegenen Verein angewiesen. Angebot und Preis bestimmen vielfach die Mitgliedschaft in einem Verein. Doch nicht nur das: Vereine müssen attraktiv sein.
 
Die Attraktivität – die gute Außendarstellung – ist allerdings das, was in vielen Vereinen am unwichtigsten erscheint. Welch riesengroßer Irrtum...
 
Wie heißt es doch so schön, es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Und wer einen neuen Verein sucht, der sieht sich um. Früher war es der Besuch der Vereinsanlagen – und deren Zustand war die Visitenkarte des Vereins – heute ist es zunehmend der Internetauftritt, der diesen ersten Eindruck vermittelt.
 
Sieht die Anlage verwahrlost aus, hat das Vereinsheim einen neuen Anstrich bitter nötig, liegt Müll herum und sind die Sanitäranlagen ein Ort des hygienischen Grauens, kann das nicht einladen, Mitglied zu werden.
 
Turnmatten oder Weichböden, deren Füllung aus offenen Nähten quillt oder die so abgenutzt scheinen, als könnten sie eher Unfallverursacher als Präventionsmittel sein, sind ebenso abschreckend wie Schimmel, Muff und Dreck.
Aber auch wenn die Fliesen aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gut geputzt sind, eine Augenweide sind sie in den seltensten Fällen. Es sieht meist aus, wie es ist: alt.
Und der Rückschluss vom Kleinen auf das Große, von der Anlage zur Vereinsführung liegt oftmals nahe.
 
Doch tatsächlich ist für interessierte Menschen das physische Erscheinen auf einer Vereinsanlage gar nicht mehr nötig. Wer heute einen neuen Verein sucht oder Informationen, der geht in aller Regel erst einmal ins Internet.
Gesucht und gefunden werden ist hier das A und O. Und wenn dann die Suchmaschine die Vereinsseite findet und die Verlinkung öffnet, dann poppen mitunter – ja, auch heute noch – irrwitzige Farben, gruslige Schriftarten und eine eigenwillige Seitensortierung auf.
Aber eine Vereinshomepage sollte optisch ansprechend sein – natürlich gibt es hier persönliche Präferenzen – was sie aber in jedem Fall braucht ist eine klare Struktur.
Es sollte nicht verwundern, dass meist die Vereine mit den ungepflegtesten Anlagen die hässlichsten Homepages haben.
 
Wer Sport treiben möchte, der sucht Spaß und Gemeinschaft, das lässt sich nicht in einem 200-zeiligen Fließtext abbilden, den sowieso keiner liest, weil die bloße Vorstellung daran ermüdend ist.
Fotos von Menschen beim Sport und bei Veranstaltungen – möglichst authentisch, möglichst glücklich – sagen viel mehr als tausend Worte.
Die hundertjährige Vereinsgeschichte darf natürlich gerne ins Internet, auch dafür gibt es immer mal wieder Interessenten, aber nicht an prominenter Stelle – keinesfalls auf der Startseite.
Wichtiger ist es, dass Informationen zur Mitgliedschaft, Anmeldeformulare, die Satzung, auch Trainingszeiten und Ansprechpartner auf der Homepage einfach zu finden und natürlich auch aktuell sein müssen. Doch leider hapert es hier – und das nicht nur bei den Vereinen, die auch ansonsten eine sehr eigenwillige Vorstellung vom Begriff „Aktualität“ haben.
Internetauftritte, Vereinshomepages, deren aktuellste Veranstaltung die Jahreshauptversammlung vor zwei Jahren ist oder deren aktuellster Beitrag ein Datum trägt, das schon ein paar Jahre zurückliegt oder – im traurigsten bisher gesehenen Fall –  bei denen den angegebenen Ansprechpartnern der Nachruf auf eine eben dieser Personen folgt, sind nicht aktuell. Sportergebnisse des vergangenen Jahres oder ein Artikel über das Sommerfest 2013 sind keine Neuigkeiten mehr und gehören ins Archiv.
Wer es nicht schafft, Neuigkeiten auf seiner Seite zu veröffentlichen, der sollte diese Rubrik entfernen und dafür Sorge tragen, dass wenigstens die generellen Informationen aktuell bleiben – ein ungleich kleinerer Aufwand.
 
Es sind auch nicht mehr nur die Jungen, die Informationen ihres Vereins aus den vermeintlich „neuen Medien“ erwarten; nein, auch die „Alten“ können mit einem Smartphone umgehen, nutzen facebook und whatsapp, twittern und snapchatten.
Wer sich hier verschließt, nur weil er diese Medien selbst nicht nutzt, dem fährt der berühmte Zug vor der Nase weg.
 
Wenn man sich überlegt, dass „copy-and-paste“ nicht nur eine Möglichkeit ist, die Recherche für wissenschaftliche Arbeiten zu „optimieren“, sondern die einfachste Art, ein und denselben Text, in unterschiedlichen Medien zu verbreiten, dann kann hier kaum von „der vielen Tipparbeit“ gesprochen werden.
Und dass exakt diese Arbeiten für manche Altersgruppen auch gar keinen Aufwand darstellen, dass die Generation Smartphone das nebenbei macht und als ganz natürlichen Akt der Kommunikation versteht, ist die beste Chance für Vereine junge Menschen für die Vereinsarbeit zu gewinnen.
 
Um mit den augenscheinlichen Kriterien für einen modernen Verein abzuschließen, sei erwähnt, dass es nicht nur die Optik der Sportanlagen und der Homepage ist, die entscheidend für die Vereinswahl sein können. Man kann sich sicher vorstellen, dass es einen ganz anderen Eindruck vermittelt, wenn Mitglieder einheitliche Vereinstextilien tragen,  als wenn jeder individuell auftritt. Hier lässt sich so einfach Gemeinschaft demonstrieren, Verbundenheit und Identifikation mit dem Verein.
 
Kommen wir von den Äußerlichkeiten zu dem, was sich in den Vereinen abspielt.
Nicht wenige Vereine wundern sich, dass sie in bestimmten Altersgruppen einen Mitgliederrückgang zu verzeichnen haben. Dass sie es aber verpasst haben dieser Altersgruppe entsprechende sportliche Angebote zu unterbreiten, dass sich ihre Leistungen nicht an ihren Mitgliedern orientieren, sondern an ihnen vorbei, ist ihnen meist nicht bewusst.
In regelmäßigen Abständen muss man sich selbst überprüfen. Man muss feststellen was man hat und wo man steht – und ganz wichtig, man muss sich darüber klar werden, wo man hin möchte. Außerdem ist es unerlässlich auch einmal über den Tellerrand des eigenen Vereins hinauszusehen; zu schauen was die anderen machen – und auch wie sie es machen.
 
Es bringt nichts, das x-te Zumba-Angebot auf den Markt zu bringen, wenn die Nachfrage rückläufig ist. Und Vereine, die nur wenige Kleinkinder zum Mitglied haben, sind unter Umständen besser beraten kein eigenes Mutter-Kind-Turnen einzuführen, sondern mit einem Nachbarverein zu kooperieren, der bereits ein solches Angebot besitzt.
 
Und damit kommen wir – ganz nebenbei – zum Thema Kooperation von Vereinen. Man sollte es nicht glauben, aber es gibt sie und sie funktionieren sogar. Doch wie so häufig stehen sich Vereine mit antiquierten Animositäten gegenüber Nachbarvereinen selbst im Weg. Da reden die Vorstände nicht miteinander, da wird das Tun des anderen argwöhnisch beäugt, über die positive Berichterstattung über den Nachbarn wird die Nase gerümpft.
Oftmals weiß gar keiner warum das so ist. Früher waren vielleicht die einen die Protestanten und die andern die Katholiken, aber heute?
Interessanterweise kommt es oft zu Kooperationen, wenn jüngere und vielleicht zugezogene Personen in den Vorständen das Kommando übernehmen. Die kennen die historischen Vorbehalte nicht, werfen sie unbeeindruckt über Bord und – siehe da – es funktioniert.
 
Was den Umgang mit der vermeintlichen Konkurrenz angeht, könnte man (wenn man ganz viel Verständnis aufbringen möchte) vielleicht noch das Verhalten von Vorständen schön reden. Gar kein Verständnis kann allerdings Vorständen entgegengebracht werden, die ihre Mitglieder von oben herab behandeln. Die für Vorschläge und konstruktive Kritik nicht offen sind und im Gegenteil einen Affront gegen die eigene Person wittern. Man selbst „opfert“ sich für den Verein auf und dann kommt da jemand daher, der eine eigene Idee hat. „Macht nix, schafft nix, aber hat eine Idee… Der muss sich erstmal beweisen.“ – Da könnte ja jeder kommen.
Merkwürdigerweise sind das die gleichen Vorstände, die sich dann darüber beschweren, dass sie keine Mitarbeiter mehr für den Vorstand gewinnen können.
Wer sich hinter seinem Amt verschanzt, wer Vorstandsarbeit nicht transparent gestaltet, wer keinen wertschätzenden Umgang auf Augenhöhe pflegt oder wer gar einen despotischen Führungsstil praktiziert, der darf sich doch bitteschön nicht wundern, dass niemand mit ihm zusammenarbeiten möchte.
 
Doch natürlich sind nicht alle Vereine, die Probleme haben ihren Vorstand zu besetzen, von dieser Qualität. In vielen Vereinen fehlt es auch hier an Klarheit und Kommunikation. Es sollen Vorstandsposten besetzt werden, von denen keiner so richtig weiß, was der Stelleninhaber überhaupt für Aufgaben hat. – Weil das halt so ist.
Eine detaillierte Stellenbeschreibung fehlt in fast allen diesen Vereinen.
 
Wer aber nicht weiß, was genau von ihm erwartet wird, hätte bitte welchen Grund seine Freizeit zu opfern?
Und Freizeit ist ein kostbares Gut, weswegen es auch nur von Vorteil sein kann, die Möglichkeiten ehrenamtlicher Mitarbeit im Verein so flexibel wie möglich zu gestalten. Es ist sehr oft der sturen Beibehaltung der Vereinsstruktur geschuldet, dass Posten in Vorständen nicht besetzt werden. Da wird jemand für die Mitgliederverwaltung gesucht, der unbedingt die Arbeiten zu erfüllen hat, die auch schon alle seine Vorgänger erfüllt haben. Weil wir das schon immer so gemacht haben!
Dass sich dafür aber niemand findet, könnte daran liegen, dass die Aufgaben für die eigenen zeitlichen Möglichkeiten zu umfangreich sind. Detaillierte Stellenbeschreibungen und eine flexible Handhabung lassen es zu Aufgaben zu verteilen – an eine, zwei oder auch mehrere Personen.
Dem Einwand „wenn ich nicht einen finde, dann finde ich erst recht nicht mehrere Personen, die sich engagieren“, kann man nur entgegnen: doch.
Wenn die Mitglieder nämlich wissen, dass sie sich im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten, ihrer eigenen Vorlieben,  einbringen können und nicht Angst haben müssen, bis ans Ende ihrer Tage an diese Aufgabe gefesselt zu sein oder immer mehr aufgehalst zu bekommen, dann arbeiten sie gerne mit. Wenn sie wissen, wir sind viele und wenn ich ausfalle, dann sind andere da, die meine Aufgaben übernehmen können, dann beteiligen sie sich gerne.
Und wenn jemand etwas machen möchte, was er vorher noch nie gemacht hat, oder Angst hat eine Aufgabe zu übernehmen, weil er sich dazu nicht in der Lage fühlt, dann sollte man ihm helfen sich dazu zu befähigen. Ob es die Sportverbände sind oder die Volkshochschulen, die Kommunen oder das Land, jeder weiß um die anspruchsvollen Aufgaben, die in Vereinen zu bewältigen sind und möchte helfen. Es werden Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten, die nur in Anspruch genommen werden müssen.
 
Mitarbeiter von Vereinen arbeiten teilweise übrigens unter asketischen Bedingungen. Von einer Anerkennung ihrer Arbeit oftmals keine Spur. Dabei ist es so einfach Anerkennung zu zeigen. Da genügt bereits ein „Dankeschön“, ein Schulterklopfen, ein „Hast Du gut gemacht“. Es ist meist nicht mehr, was Ehrenamtliche erwarten. Über die diversen Möglichkeiten Danke zu sagen – von der „Ehrenamtspauschale“ bis zum Helferfest - soll hier auch nicht en detail eingegangen werden, wichtig ist, dass es geschieht. Wobei den Vorständen die ihre eigene Meinung zur „Ehrenamtspauschale“ gerne behalten dürfen und argumentieren „wir mussten früher kein Geld in die Hand nehmen, um Leute zu finden“, gesagt sei: Das durftet ihr auch gar nicht. Jetzt dürft ihr es und wenn ihr es euch leisten könnt, dann tut es. In den allermeisten Fällen kommt es nämlich doppelt zurück.
 
In regelmäßigen Abständen finden unter Ehrenamtlichen Befragungen statt und fast durchweg werden als Gründe für ehrenamtliches Engagement „Spaß“ und die „Möglichkeit einer persönlichen (Weiter-)Qualifikation“ genannt.
Also ihr Vereine, die ihr ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, qualifiziert eure Mitstreiter – und solche, die es werden wollen. Und sorgt dafür, dass die Mitarbeit in eurem Verein Spaß macht.
 
Und wenn ihr schon in Bewegung seid, schneidet alte verfilzte Zöpfe ab und macht euch attraktiv. Löst euch von dem Totschlagsargument „Das haben wir schon immer so gemacht“, fangt an euch selbst zu reflektieren und stellt euch konstruktiver Kritik, wenn ihr sie erfahrt.
 
Ach ja, wer bereit ist für Veränderungen, aber nicht weiß, wie er sie angehen soll, der darf sich gerne Hilfe von außen holen. Entgegen der landläufigen Meinung ist das nämlich kein Zeichen von Schwäche sondern eine Erkenntnis. Den Erfolg garantieren kann allerdings niemand.
 
Wie sagte Georg Christoph Lichtenberg doch so treffend – und ich zitiere ihn so gerne:
„Ich kann freilich nicht sagen,
ob es besser werden wird,
wenn es anders wird;
aber so viel kann ich sagen:
es muss anders werden,
wenn es gut werden soll.“
 
Daniela Herrlich
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